Thales von Milet

Thales von Milet gilt als Wegbereiter der Naturphilosophie. Ihm wird als einer der Sieben Weisen der Spruch Γνῶθι σαυτόν zugeschrieben, also die berühmte Inschrift aus Delphi: „Erkenne dich selbst!“. Er ist bekannt aus dem Mathematikunterricht (Text 5). 585 v. Chr. hat er eine Sonnenfinsternis vorausgesagt (1). Aber nicht nur als Gelehrter ist Thales bekannt geworden. Vielmehr widerlegte er sehr anschaulich, warum ein Philosoph nicht von selbst ein weltfremder Versager ist (2). Nach Aristoteles soll er als erster gelehrt haben, dass es einen einzigen (Monismus) Urstoff (ἀρχή) der Welt gebe; die Welt sei aus Materie entstanden, nämlich aus Wasser (τὸ ὕδωρ), und bestehe immer noch aus Wasser (3). Er begründet seine These mit empirischen Beobachtungen und spricht als erster in Abstraktionen. Götter, die in allem vorzufinden seien, sind für Thales wohl nur noch bildhafter Ausdruck für die Materie (Hylozoismus, 4).

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Die Schule von Athen

Raffael - Schule von Athen

Raffael – Schule von Athen
Quelle: Wikipedia

Besonders gut – hier ganz abgesehen von der einmaligen Schönheit – stellt das vatikanische Fresko Die Schule von Athen von Raffael die vielverzweigten, antik-griechischen Philosophieschulen und Nachfolger dar, und ist somit eine Zusammenfassung unseres Streifzuges durch die Philosophie; es sollen nachfolgend einige wenige Stichpunkte genügen, die später ausführlicher behandelt werden.

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Ein Besitz für immer – Πρόχειρα ἐς αἰεί

Die nachfolgenden Aspekte der griechischen Literaturgeschichte stellen – wie aus dem Titel ersichtlich ist – einen schematischen Streifzug dar. Keinesfalls erhebt dieses opusculum Anspruch auf Vollständigkeit. Eher soll es eine zusammenfassende Übersicht sein. Nützlich kann es bei der inhaltlichen Vorbereitung auf die griechische Abiturprüfung sein. An dieser Stelle sei allen Personen, deren Erkenntnisse in dieses Werk miteingeflossen sind, gedankt ─ vor allem natürlich unserem Kursleiter Herr Regenfelder!

Die Herausgeber Johannes Isépy und Thomas Gabor (27. April 2009)

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Die Ionische Naturphilosophie und das Johannes-Evangelium

Die Naturphilosophen des 6. Jahrhunderts v. Chr. in Ionien (Kleinasien) und Süditalien hatten mit ihrer rational-kritischen Denkweise begonnen, nach dem naturwissenschaftlichen Ursprung (ἀρχή) der Welt zu fragen. Thales von Milet zum Beispiel, der 585 eine Sonnenfinsternis voraussagen konnte, fasste den Urstoff der Welt als etwas Materielles auf: Die ἀρχή sei das Element Wasser (ὕδωρ), was er aus seinen Beobachtungen der Natur schloss, z.B. daraus, dass die Nahrung aller Lebewesen feucht sei. Sein Nachfolger Anaximander aber geht von einem abstrakten, göttlichen Anfang aller Dinge aus, dem Grenzenlosen (ἄπειρον). Dieses kann man sich nicht vorstellen, da es raum-, zeit-, qualitäts- und quantitätslos ist, man kann nur feststellen, was es nicht ist, nämlich begrenzt. Im nächsten Schritt – dieselbe via negativa beschreitend – nannte Xenophanes (ca. 570-475) die ἀρχή einen einzigen Gott, den man sich als absolut, transzendent und gestaltlos vorstellen müsse – im Gegensatz zu der traditionellen Religion der Griechen, die sich die olympischen zwölf Götter anthropomorph dachten. Diese Vorstellung führt Xenophanes geschickt ad absurdum, indem er den Anthropomorphismus in der analogen Übertragung auf das Tierreich beschreibt:

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