Man hat die Wahl

Von Heinz-Joachim Fischer
(F.A.Z., 8. 11. 1997)

[Hervorhebungen: Graecum.org]

In Marthens Garten war es, da faßte sich Gretchen ein Herz und fragte ihren Heinrich, Goethes Faust: „Nun sag, wie hast dus mit der Religion? Du bist ein herzlich guter Mann, allein ich glaub, du hältst nicht viel davon.“ Und es entwickelte sich ein Gespräch, in dem Gretchen bange wird und Faust ganz philosophisch, religions-philosophisch, so philosophisch, daß von der Religion wenig übrigblieb.

Auch 200 Jahre später steht es nicht viel anders, nachdem Aufklärung und eine Heerschar von Geistesgelehrten die Religion „aufgelöst“, in des Wortes mehrfacher Bedeutung, ihren tiefen, geheimnisvollen Sinn erschlossen, ihre Rätsel wie Knoten gelöst oder sie gar zum Verschwinden gebracht haben. Ludwig Feuerbach etwa (1804 bis 1872) gehörte zu letzteren; er begann in Heidelberg ganz faustisch mit dem Studium der Theologie und faßte zuletzt seine Erkenntnisse über die edelste Berufung des Menschen, seine Beziehung zu Gott in der Religion, in dem Satz zusammen: „Der Mensch ist, was er ißt.“ Nichts da mit dem Himmelreich! Gott und Heilige sind Projektionen des Menschen auf seine eigenen geschlossenen Weltwände; alles Göttliche ist nur, was der Mensch von sich selbst denkt und fühlt, glaubt und hofft.

So räsoniert man nicht erst in der Moderne. Schon in der Antike, im sechsten und fünften Jahrhundert vor Christus, schrieb der Dichter und Philosoph Xenophanes aus dem griechischen Kolophon, dann im süditalienischen Elea, südlich von Neapel: „Die Äthiopier behaupten, daß ihre Götter schwarz sind und stumpfnasig, die Thrakier, daß sie blauäugig und rothaarig sind. Aber wenn Ochsen und Pferde und Löwen Hände hätten und mit ihren Händen malen könnten und Werke hervorbringen wie die Menschen, so würden die Pferde die Gestalt der Götter den Pferden, die Ochsen den Ochsen ähnlich machen.“ Der deutsche evangelische Religionsphilosoph Rudolf Otto (1869 bis 1937) bemerkte dazu kurz: „Xenophanes hat völlig recht. So verfährt man, wenn man ein Ochse ist.“

Gilt das auch für die heutige Zeit, die moderne Gesellschaft, wenn Menschen in einer globalen Weltkultur plötzlich Phänomene des Religiösen entwickeln und ausleben? In der Verehrung für Stars und Idole, in ihrem inbrünstigen Schmerz um verlorene Ideal-Figuren? In Mythen, die kollektiven Aufwallungen entsprechen? In Ausdrucksformen, die den einzelnen selig erschrecken und faszinieren? Es geht dabei zunächst nicht um die ewige Frage nach der Existenz Gottes, darum, ob dem Religiösen „etwas im Jenseits“ entspricht – die bleibt jedem allein zu beantworten –, sondern um die Gestalten des Religiösen, die uns überliefert sind und die nun von Gesellschaftsmächten neu geschaffen werden. Denn offenbar verlangt es den Menschen danach, von Zeit zu Zeit aus der Enge seines Alltags herauszutreten und sich mit wohligem Schauer zum Höheren und Besseren, Edleren und Schöneren erheben zu lassen.

Keine Frage jedoch, daß die traditionellen Bilder der jüdisch-christlichen Menschheitskultur in den westlichen Wohlstandsgesellschaften verblassen, bei vielen immer mehr in Vergessenheit geraten oder gar nicht gebildet wurden. Die Erschaffung der Welt und des Menschen, die Zehn Gebote auf steinernen Gesetzestafeln, Kreuzestod und Auferstehung scheinen den neuen Kreationen von ewiger Jugend und Gesundheit, männlicher Allmacht und weiblicher Schönheit zu erliegen. Jede Meinungsumfrage stellt fest, was die Deutschen nun alles nicht mehr glauben; sie hätte jedoch reichen Ertrag in dem, woran diese nun neu Herz und Verstand verloren haben.

Soll man nun im Trotz die alten Bilder der Bibel, aus dem jüdischen und aus dem christlichen Teil, wieder beschwören? Wo wir doch wissen, daß die Welt nicht in sechs Tagen und einem der Ruhe erschaffen wurde, und noch vieles mehr und alles besser, wo doch kirchliche Synoden über Auferstehung und leeres Grab demokratisch abstimmen? Die Zeit scheint nicht günstig dafür. Denn was in den westlichen Vergnügungsgesellschaften gegenwärtig an Profan-Religiösem im Schwange ist und an Bildern und Filmen unter dem Markenzeichen Hollywood in aller Welt verbreitet wird, erinnert frappierend an die Götterwelt der griechischen und römischen Mythologie. Der liebestolle Zeus und die eifersüchtige Hera, die wunderschöne Aphrodite und die selbstbewußte Athene, die Jägerin Diana und der wohlgestaltete Apoll, Amazonen und Giganten beschäftigen unsere Phantasie, unsere Wünsche und Hoffnungen für ein interessanteres und besseres Leben viel mehr als die biblischen Geschichten von Gottestreue und Erlösung, Sündenfall und Strafe, von den – im Vergleich zu bunten Filmen – blassen Heiligenlegenden zu schweigen.

Also weg von der Bibel? Hinein in die lebensfrohe Welt der heidnischen Olympier? Wenn eine jede Weltreligion mit ihren Bildern und Erzählungen – unabhängig von der Frage, ob es Gott gibt und man an ihn glaubt – immer auch Deutung und Steuerung des menschlichen Lebens ist, so würden wir damit eine wesentliche Erziehungsmacht in der Geschichte der Menschheit verlieren. Denn das jüdische Vermächtnis ist die Unterscheidung zwischen Gott und Götzen, zwischen dem einen Unsichtbaren und Unnennbaren und den vielen Gottheiten, in deren Dienst sich immer irgendwelche Baals-Priester abmühen. Stets findet sich auch ein „goldenes Kalb“, das angebetet wird; und von den Unbekümmerten heißt es nur kurz: „Ihr Gott ist der Bauch.“ Der Christengott hingegen läßt sich für andere ans Kreuz schlagen, während Dionysos tanzt und Zarathustra die Armen und Schwachen dieser Erde hinwegfegt. Man hat die Wahl.

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